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Norbert Gstrein
Im ersten Licht
Carl Hanser Verlag München, 2026
Ein Krieg ohne Helden, ein Land ohne Zukunft, eine Geschichte ohne Ende – so könnte man den just zu Beginn des Jahres 2026 erschienen neuen Roman von Norbert Gstrein charakterisieren: wer kämpft heute für einen Führer ohne Gefühl und Moral, welche Länder suchen ihr Morgen in einem brutalen Heute? Es sind Geschichte aus unserer täglichen Nachrichtenwelt, die dieses Buch so aktuell machen.
Fragen der Schuld und der Verblendung, des Mitläufertums und des Verbergens werden in einem wunderbar leichten, voranschreitenden Text verhandelt – es gibt immer den subkutan durchscheinende Hauptstrang der Geschichte von Adrian Reiter, dem in Gmunden und später in Salzburg lebenden Englisch- und Geschichtelehrer. Eingestreut sind faszinierende Miniatur-Geschichten rund um Familien und Schicksale in der Nachbarschaft, das Wien der Zwischenkriegszeit, Begegnungen in der hügeligen Landschaft der südenglischen „Downs“, mit minutiös gezeichneten und beobachteten Figuren, die in ihrer Ambivalenz immer wieder für Erstaunen und Verstörung sorgen.
Neben den großen Themen der Weltgeschichte rund um das zerbröckelnde Kaiserreich, die beiden Weltkriege, den aufkommenden Nationalsozialismus und die Abgründe von ideologisch motiviertem Handeln entwirft der Autor ein vielfältiges Panorama von Schönheit, Tragik und Widersprüchen. Der gealterte Protagonist – in seinen späten Jahren noch mit Liebe und Zuneigung belohnt – blickt mit Verwunderung auf die „Unzugehörigkeit zu seiner eigenen Welt“ – einer Welt, in der er nur durch Zufall kein Held geworden war, aber auch kein Verräter – oder sollte er da etwas verbergen, wird da etwas mit Lügen zugedeckt?
„Im ersten Licht“ ist eine Erzählung über das Sehen von Dingen und Situationen, das Wahrnehmen von Licht und Schatten, das Fühlen von Leid und Zuversicht – das erste Licht kann trügerisch sein, auch wenn die Wahrheit sich schon abzeichnet.
Margit Zuckriegl