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Karl-Markus Gauß
Die Liebe kommt immer zu spät
Paul Zsolnay Verlag, Wien, 2026
„Drei Reisen“ nennt der 1954 in Salzburg geborene Autor im Untertitel die neueste Publikation und stellt damit der Lektüre schon die inhaltliche Struktur voran: drei Geschichten sind zu einem Triptychon konfiguriert, das ganz dem Gaußschen modus operandi folgt. Die literarische Herangehensweise von Gauß ist seit seinen frühen Essays der 1990er Jahre eine Mischung aus Recherche und Erfahrungsbericht, aus historischem Schürfen und gegenwärtigem Beobachten, aus dem Einbeziehen des Zufalls („mein bewährter Komplize“) und dem gezielten Suchen, aus bewusster Reflexion und mäandernder Assoziation. Besonders in den „Reiseberichten“ aus Ost- und Südosteuropa, in denen er marginalisierten Ethnien und fast verschwundenen Sprachen nachspürt, erweist er sich als sensibler Schilderer von Phänomenen und Situationen jenseits der politischen Zentren – die Liebe, die Aufmerksamkeit, die Sichtbarkeit kommen immer zu spät, vieles bleibt verborgen, vergessen aus Angst, aus Unachtsamkeit oder aus Kalkül.
So begibt er sich in „Ljuba und Alma“ auf eine Spurensuche in Slowenien und verknüpft auf vielfältige Weise Leben und Wirken zweier Frauen, einer Anwältin und einer Schriftstellerin, die sich trotz der gefahrvollen Zeiten von Naziokkupation und Kommunismus erlaubten, unangepasst ihre höchst individuellen Eigenheiten zu leben.
Die zweite Geschichte „Nächstes Jahr in Sarajevo“ ist eine journalartige Aufzeichnung über eine Lese- und Recherchereise in Bosnien, die der Autor auf Einladung des Österreichischen Kulturforums unternimmt und die zu einer Widmung an den großen Schriftsteller und persönlichen Freund Dževad Karahasan gerät; er ist der „imaginäre Begleiter“ auf einer weit ausgreifenden Erkundung in Vergangenheit und Gegenwart eines geschundenen Landes und seiner Menschen – Menschen, die der Autor im Hier und Jetzt trifft und deren Einschätzungen seinen Text bereichern: „Bosnien verdiene es, nicht denen überlassen zu werden, die es zu zerstören versucht hatten“.
Aberwitziger als die beiden vorangehenden Geschichten, geradezu von surrealer Brüchigkeit, ist der letzte Teil dieses schmalen, konzentrierten Buches: „Warum blieb Gerasimos Garnelis in Krems“ nennt der Autor seine Recherche zu den verschleppten, exilierten oder gestrandeten Griechen in Niederösterreich, in der er das opportune Vergessen an ein unglaubliches Massaker an Gefangenen in den letzten Kriegstagen im April 1945 mit den Schicksalen einzelner Freiheitskämpfer und Exilanten verknüpft. Und er schließt seinen Bericht mit einem Hinweis auf einen aus Galizien stammenden Österreicher, wie auf einen aus Wien gebürtigen Balkanreisenden in Berlin – aber das „ist eine andere Geschichte, vielleicht werde ich eines Tages auch sie erzählen“ – eine weitere Reise-Geschichte ist zu erwarten.
Wie sich aus Vergessenem und Verdrängtem Erkenntnis gewinnen lässt ist immer das Gaußsche Interesse in seinen historisch orientierten Essays: gerade in einer von Krisen heimgesuchten Gegenwart eine aktuelle und ethisch anspruchsvolle Aufgabe. (Margit Zuckriegl)
László Krasznahorkai
Zömle ist weg
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2025
Kurz bevor ihm der Literaturnobelpreis 2025 verliehen wurde, hatte der ungarische Schriftsteller, geboren 1954 in Gyula, sein neuestes Buch in seinem Heimatland veröffentlicht: Zömle ist weg. Der Titel spielt auf das Verschwinden des geliebten Hundes des Protagonisten an, meint aber – wie bald im Laufe der Geschichte ersichtlich wird - das Verschwinden von József Kada. Józsi Bacsi, also Onkel Josef, wird er von den Dorfbewohnern und seinen Mitstreitern genannt, und nichts deutet an, dass er eigentlich der legitime König von Ungarn ist. Wo ist er hingekommen? Ist er gegangen, geflüchtet, hat man ihn eingesperrt?
In einer minutiös und liebevoll beobachtenden Sprache, ohne Satzbeginn oder -ende, ohne Punkt und Absatz ergießt sich ein Strom an Worten und Meinungen, Reflexionen und Einschätzungen, die allmählich den Verdacht aufkommen lassen: hier geht es um eine Geschichte ohne Ende und Anfang, hier wird kaleidoskopartig ein surreales Setting beleuchtet, in dem Fiktion und Wirklichkeit gekonnt aufeinander prallen.
In der heutigen Situation von Orbáns „Reich“, einem autoritär geführten Ungarn mit Repressalien und Zensur, mag die Idee, zur Regierungsform der Monarchie zurückzukehren, eine Traumfantasie sein – geträumt von einem Verwandten im Geiste von Roi Ubu, dem aberwitzigen Self-made-King aus der Welt des Alfred Jarry. Eigentlich führt der 91jährige Józsi-Onkel ein beschauliches Leben, wären da nicht seine „Unterstützer“, die ihn auf den Thron setzen wollen, auch wenn dieser noch nicht geortet werden konnte. Inzwischen galoppieren die Ideen und Erinnerungen von Herrn József Kada, alias seiner Majestät, durch die ungarische Geschichte, von der Árpáden-Dynastie über die Stephanskrone zum Horthy-Regime und zu Kontaktpersonen zum Faschismus oder zur aktuellen rechten Szene in Deutschland. Da mag man schon an eine neue Regierungsform denken, auch wenn dem Józsi-Onkel seine Visionen arg naiv daherkommen und das Ganze zu einer Polit-Panorama-Parodie gerät. Zömle jedenfalls ist nicht weg, er bleibt bei seinem Herrn – nur der entfernt sich, irgendwohin.
Bei der amüsant zu lesenden kleinen Geschichte bleibt doch das Bittere einer Satire spürbar, die ein weiterer Mosaikstein in Krasznahorkais ausgezeichnetem Gesamtwerk ist, das der Brüchigkeit und Verlogenheit von politischen Systemen bei gleichzeitiger staunenswerter Hoffnungsgläubikeit des Einzelnen gewidmet ist. (Margit Zuckriegl)
Dimitré Dinev
Zeit der Mutigen
Verlag Klein & Aber, Zürich-Berlin, 2025
Gleich auf Anhieb wurde der in Wien lebende bulgarische Schriftsteller Dimitré Dinev für seinen Monumentalroman 2025 mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichnet – überraschend, denn mit über 1000 Seiten und einer über Generationen ausgebreiteten Handlung kann man bei diesem Buch nicht von Mainstream sprechen. Es handelt sich eher um ein kapitales Werk, das sich den großen Klassikern annähert: episch, wuchtig, sich stetig voran bewegend – wie die Donau, an deren Ufern die Szenerie beginnt und zu der alles wieder zurückkehrt.
Dinev zeichnet in seinem Roman das Panorama eines Jahrhunderts, die wechselvollen Geschichten und Geschicke einer an allen Enden ausfransenden Familie, in der Zufälle und Begegnungen, Anziehung und Weggehen, Zuneigung und Grausamkeit die treibenden Kräfte sind. Das tiefe Vertrauen zu einem geliebten Menschen, einem treuen Hund rührt ebenso aus dem Unerklärlichen her wie das magische Auftauchen eines verlorenen Ehemannes, einer verschwundenen Geliebten.
Im erzählerischen Gespinst, das der Autor über halb Europa und einige Abwege ausbreitet, ist der Leser wie gefangen: unmöglich, sich dem narrativen Strom zu entziehen! Die Rhythmik der klar abgegrenzten Kapitel und der große, übergreifende Bogen der Handlung bergen in sich ruhige Schilderungen von Flussauen, Gebirgsweiden, dörflichen Idyllen vor dem Panorama einer Fülle sich überstürzender Ereignisse rund um politische und gesellschaftliche Veränderungen, die die Menschen in ihren Strudel ziehen – analog zum Bild der tiefen Wasser der Donau. Der Fluss verleiht oder nimmt Leben, so wie der Mensch etwas von sich gibt oder vom anderen erhält. Und letztlich bleibt die Frage der Identität: ist sie angenommen oder angeboren? Dinev gibt hier keine Antwort; er lässt die Zeitläufte und die verstrickten Geschichten sich jeweils weiter bewegen: „Du schuldest mir keine Worte. Du schuldest mir nur Zeit“ heißt es im Roman, kurz bevor wieder ein Abschied ein Ende, oder einen Neuanfang bezeichnet. (Margit Zuckriegl)
Wanda Marasco
Am Hügel von Capodimonte
La compagnia delle anime finte, 2017
Deutsch von Annette Kopetzki, 2018
Kinder werden geboren, Alte sterben, Frauen verlassen ihre Familie auf dem Land, Bürgerssöhne widersetzen sich den Gepflogenheiten der Familienehre – Wanda Marasco zeichnet das Panorama eines Stadtviertels von Neapel zwischen Hafen, Märkten, Kirchen und armseligen Läden, gelegen am Fuße des Stadtberges Capodimonte. Es sind die 1950er und 1960er Jahre mit Rückblicken in die eben überstandene Kriegszeit, als die Lehrerin Rosa die Geschichte ihrer Familie Revue passieren lässt. Die Herkunft ihres Vaters aus einem großbürgerlichen Haus erspart der Familie nicht die drückende Armut, die allenthalben in der Nachbarschaft des Vico Unghiato herrscht; hier ist das Gebiet der windigen Geldverleiher, der rauhen Gassenbuben, der alten Matronen, die bei jedem Todesfall im Gässchen wie Krähen die Familien heimsuchen. Rosa erinnert sich an den großzügigen alten Palazzo der Großeltern, wo Lisa hinter permanent halb verschlossenen Jalousien ein strenges Regiment führt, ihr Mann Ennio als Arzt seine Ordination hat und ihre Onkel und Tanten aufwachsen. Rosas Vater wird nach der nicht gebilligten Ehe mit ihrer Mutter nicht mehr hierher zurückkehren.
Wanda Marasco überträgt ihrer Protagonistin Rosa einen unendlich poetischen Monolog, in dem sie Realität und Fiktion, Visionen und Erinnerungen, Ängste und Prophezeiungen mischt. Eine anspielungsreiche und doch präzise Sprache kennzeichnet diese große Erzählung, in der Perspektiven wechseln, Vor- und Rücksprünge die Dynamik im Duktus ausmachen und doch wundersame Begegnungen und Beschreibungen eingeflochten sind. Kinder werden geboren, Alte sterben – die Bewohner vom Capodimonte-Hügel erleben es mit und sehen einem halben Jahrhundert beim Vergehen zu. „Du gehst mit Rafaele in dieser Welt spazieren. Blickst in die Schaufenster und lachst…“ denkt Rosa am Totenbett ihrer Mutter an deren Jungmädchenzeit zurück und breitet dann doch die große Decke des Vergessens über die Verstorbene.
Diese schöne, unsentimentale Geschichte in vielen verknüpften Episoden verkürzt uns die Wartezeit auf die deutsche Übersetzung des neuen, hoch prämierten Romans von Wanda Marasco, „Di spalle a questo mondo“, in dem wir wieder einem Arzt und seiner Familie begegnen, diesmal im Neapel des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beschäftigt mit den großen existenziellen Fragen rund um die Ideale des Menschen, geistige und körperliche Fragilität und politische Verantwortung. (Margit Zuckriegl)
Norbert Gstrein
Im ersten Licht
Carl Hanser Verlag München, 2026
Ein Krieg ohne Helden, ein Land ohne Zukunft, eine Geschichte ohne Ende – so könnte man den just zu Beginn des Jahres 2026 erschienen neuen Roman von Norbert Gstrein charakterisieren: wer kämpft heute für einen Führer ohne Gefühl und Moral, welche Länder suchen ihr Morgen in einem brutalen Heute? Es sind Geschichte aus unserer täglichen Nachrichtenwelt, die dieses Buch so aktuell machen.
Fragen der Schuld und der Verblendung, des Mitläufertums und des Verbergens werden in einem wunderbar leichten, voranschreitenden Text verhandelt – es gibt immer den subkutan durchscheinende Hauptstrang der Geschichte von Adrian Reiter, dem in Gmunden und später in Salzburg lebenden Englisch- und Geschichtelehrer. Eingestreut sind faszinierende Miniatur-Geschichten rund um Familien und Schicksale in der Nachbarschaft, das Wien der Zwischenkriegszeit, Begegnungen in der hügeligen Landschaft der südenglischen „Downs“, mit minutiös gezeichneten und beobachteten Figuren, die in ihrer Ambivalenz immer wieder für Erstaunen und Verstörung sorgen.
Neben den großen Themen der Weltgeschichte rund um das zerbröckelnde Kaiserreich, die beiden Weltkriege, den aufkommenden Nationalsozialismus und die Abgründe von ideologisch motiviertem Handeln entwirft der Autor ein vielfältiges Panorama von Schönheit, Tragik und Widersprüchen. Der gealterte Protagonist – in seinen späten Jahren noch mit Liebe und Zuneigung belohnt – blickt mit Verwunderung auf die „Unzugehörigkeit zu seiner eigenen Welt“ – einer Welt, in der er nur durch Zufall kein Held geworden war, aber auch kein Verräter – oder sollte er da etwas verbergen, wird da etwas mit Lügen zugedeckt?
„Im ersten Licht“ ist eine Erzählung über das Sehen von Dingen und Situationen, das Wahrnehmen von Licht und Schatten, das Fühlen von Leid und Zuversicht – das erste Licht kann trügerisch sein, auch wenn die Wahrheit sich schon abzeichnet.
(Margit Zuckriegl)